1
BERLIN, DEUTSCHLAND
Der Vampir hatte keine Ahnung, dass im Dunkel der Tod auf ihn lauerte.
In seiner Gier war er mit all seinen Sinnen völlig auf die halb nackte Rothaarige in seinen Armen konzentriert, die ihn mit kaum gezügelter Lust betatschte. Zu fiebrig, um zu bemerken, dass sie in seinem Schlafzimmer im Dunklen Hafen nicht allein waren, öffnete er mit einem mentalen Befehl die geschnitzten Türflügel und führte seine willige, keuchende Beute hinein. Die Frau schwankte auf ihren hohen Absätzen, sie entwand sich ihm lachend und drohte ihm mit dem Finger.
„Hans, du hass mir zzu viel Schampuss eingeflößt“, nuschelte sie und stolperte in den dunklen Raum.
„Mir iss ganz komisch.“
„Das geht vorbei.“ Auch der deutsche Vampir klang undeutlich, wenn auch nicht vom Alkohol berauscht wie seine arglose amerikanische Gefährtin. Seine Fangzähne füllten ihm den Mund aus, Speichel überflutete seine Zunge in Vorfreude auf Nahrung.
Er folgte ihr mit bedächtigen Bewegungen, schloss die Tür hinter sich und schlich auf sie zu. Seine Augen glühten, transformierten sich von ihrer natürlichen Farbe zu etwas Jenseitigem. Obwohl die junge Frau die Veränderung, die er durchmachte, gar nicht zu bemerken schien, hielt der Vampir seinen Kopf gesenkt, während er sich ihr näherte, bemüht, die verräterische Hitze seines blutdurstigen Blicks zu verbergen. Außer dem verdeckten bernsteinfarbenen Glühen seiner Augen und dem schwachen Glanz der Sterne auf der anderen Seite der hohen Fenster, die auf das Privatgrundstück des Dunklen Hafens blickten, gab es kein Licht im Raum. Aber als Stammesvampir sah er auch ohne Licht.
Genau wie der andere, der gekommen war, um ihn zu töten.
Aus den Schatten auf der anderen Seite des großen Raumes beobachteten dunkle Augen, wie der Vampir seine Blutwirtin von hinten packte und zur Sache kam. Als die erste kupfrige Duftwolke aus der geöffneten menschlichen Ader drang, schossen die Fänge des Beobachters reflexartig aus seinem Zahnfleisch. Auch er war ausgehungert, mehr, als er zugeben wollte, aber er war zu einem höheren Zweck hierhergekommen, als seine eigenen Grundbedürfnisse zu befriedigen.
Was er wollte, war Rache. Gerechtigkeit.
Diese Mission war es, die Andreas Reichens Füße wie angewurzelt auf dem Boden hielt, während der andere Vampir am anderen Ende des Raumes in blinder Gier trank. Er wartete, geduldete sich nur, weil er wusste, dass der Tod dieses Mannes ihn der Erfüllung des Schwurs einen Schritt näher bringen würde, den er vor etwa zwölf Wochen geleistet hatte... in der Nacht, als seine Welt in Trümmer und Asche zerfallen war.
Reichens Selbstbeherrschung war hauchdünn.
Innerlich tobte er von der Hitze seiner Wut. Seine Knochen fühlten sich unter seiner Haut an wie heiße Eisenstangen. Sein Blut rauschte durch seinen Körper wie flüssiges Feuer, das ihn vom Scheitel bis zur Sohle versengte. Jeder Muskel, jede Zelle in ihm schrie mit einer Wildheit nach Vergeltung, die an nukleare Kernschmelze grenzte.
Nicht hier, warnte er sich. Nicht so.
Wenn er jetzt seiner Wut nachgab, würde er einen hohen Preis dafür zahlen, und bei Gott, das war dieser Hundesohn nicht wert.
Reichen hielt diesen explosiven Teil seines Selbst in Schach, aber die Anstrengung kam einen Sekundenbruchteil zu spät. Das Feuer, das bereits in ihm anschwoll, brannte durch seine hauchdünne Selbstbeherrschung...
Der andere Vampir hob abrupt den Kopf vom Hals der Frau. Er atmete scharf durch die Nase ein, dann grunzte er animalisch ... beunruhigt. „Da ist wer.“
„Was sagst du?“, murmelte sie, immer noch benommen von seinem Biss. Er verschloss ihre Wunde mit seiner Zunge und stieß sie von sich. Sie stolperte nach vorn, stieß dabei leise ein paar deftige Flüche aus. Sobald ihr träger Blick auf Reichen traf, entfuhr ihr ein gellender Schrei. „Oh mein Gott!“
Reichen spürte, wie seine Augen von dem bernsteinfarbenen Feuer seiner Wut schwelten und seine Fangzähne durch sein Zahnfleisch stießen, in Bereitschaft für den bevorstehenden Kampf. Er trat einen Schritt aus dem Schatten.
Wieder schrie die Frau auf, ihr Blick voller Panik, wilder Hysterie. Sie sah sich schutzsuchend nach ihrem Begleiter um, doch der Vampir hatte keine Verwendung mehr für sie. Herzlos stieß er sie aus dem Weg und preschte vorwärts. Durch die Wucht des Stoßes ging sie zu Boden.
„Hans!“, schrie sie. „Um Gottes willen, was ist hier los?“
Zischend stellte sich der Vampir dem unerwarteten Eindringling entgegen, duckte sich in Angriffshaltung. Reichen blieb nur noch ein Augenblick, um der verwirrten, verängstigten Frau einen schnellen Blick zuzuwerfen.
„Verschwinde.“ Mit einem mentalen Befehl schloss er die Schlafzimmertür auf und ließ sie aufschwingen.
„Raus mit dir, sofort!“
Noch während sie hastig von dem polierten Marmorboden aufstand und aus dem Raum floh, erhob sich der Vampir des Dunklen Hafens mit einer flüssigen Bewegung in die Luft. Bevor seine Füße wieder den Boden berührten, sprang Reichen den Mistkerl an.
Ihre Körper prallten zusammen, durch die Wucht von Reichens Schwung wurden sie beide quer durchs ganze Zimmer geschleudert. Riesige Fänge knirschten, wilde bernsteinfarbene Augen durchbohrten einander in tödlicher Bösartigkeit, und so krachten sie miteinander wie eine Abrissbirne gegen die gegenüberliegende Wand.
Knochen brachen von dem Aufprall, doch das genügte Reichen nicht.
Noch nicht annähernd.
Er warf den wütenden Stammesvampir, der vergeblich gegen ihn ankämpfte, zu Boden und nagelte ihn fest, indem er ihm hart ein Knie in die Kehle rammte.
„Nichtsnutziger Idiot!“, brüllte der Vampir, trotz seiner Schmerzen immer noch überheblich. „Hast du irgendeine Ahnung, wer ich bin?“
„Und ob. Du bist Agent Hans Friedrich Waldemar.“
Reichen bleckte Zähne und Fänge in der wüsten Parodie eines Lächelns und starrte auf ihn hinunter.
„Sag bloß nicht, du hast schon vergessen, wer ich bin.“
Nein, er hatte es nicht vergessen. Hinter Schmerz und Angst in Waldemars geschlitzten Pupillen blitzte Wiedererkennen auf. „Du Bastard... bist Andreas Reichen.“
„Ganz genau.“ Reichen hielt den Mistkerl in einem Blick von so tödlicher Wut gefangen, dass er ihn fast versengte. „Was ist, Agent Waldemar? Überrascht, mich zu sehen?“
„Ich... ich verstehe nicht. Der Angriff auf den Dunklen Hafen im Sommer...“ Der Vampir holte mühsam Luft. „Es hieß, es hätte keine Überlebenden gegeben.“
„Fast keine“, berichtigte Reichen knapp.
Und nun wusste Waldemar, welchem Umstand er diesen Besuch verdankte. In seinen Augen stand düsteres Begreifen. Nackte Angst. Als er jetzt redete, zitterte seine Stimme. „Ich hatte nichts damit zu tun, Andreas. Das musst du mir glauben Reichen schnaubte höhnisch. „Das haben die anderen auch gesagt.“
Waldemar begann sich zu winden, doch Reichen presste ihm das Knie noch härter gegen die Kehle.
Waldemar atmete pfeifend, versuchte die Hände zu heben, als Reichens Gewicht ihm die Luftröhre abzudrücken begann.
„Bitte... sag mir doch, was du von mir willst.“
„Gerechtigkeit.“
Reichen spürte weder Befriedigung noch Reue, als er Waldemars Kopf packte und wild an ihm riss. Das Genick brach, dann fiel der Kopf des Stammesvampirs mit einem dumpfen Geräusch zu Boden.
Reichen stieß einen tiefen Seufzer aus, der wenig dabei half, seine Qual zu lindern oder den Kummer darüber, dass er lebendig war - und allein. Der einzige Überlebende. Der Letzte seiner Familie.
Als er aufstand und sich daranmachte, diesen letzten Toten hinter sich zu lassen, fiel ihm etwas ins Auge. Auf einem der Bücherregale aus Mahagoni glitzerte poliertes Glas. Er stapfte hinüber, seine Füße bewegten sich wie von selbst, sein geschärfter Blick war auf das Gesicht seines Feindes fixiert, das ihn aus der Fotografie mit dem Silberrahmen anstarrte. Er packte das Bild und starrte darauf hinunter, seine Finger wurden heiß, wo sie sich gegen das Metall des Rahmens pressten. Reichens Augen brannten, je länger er das verhasste Gesicht betrachtete, ein tiefes Knurren entwich seiner Kehle, wild und animalisch dank seiner schwelenden Wut.
Wilhelm Roth stand inmitten einer kleinen Gruppe von Stammesvampiren in der förmlichen Abendkleidung der Agentur, allesamt herausgeputzt in schwarzen Smokings und gestärkten weißen Hemden, die Oberkörper mit bunten Seidenschärpen und glänzenden Medaillen dekoriert, an ihren Seiten hingen vergoldete Stoßdegen. Reichen schnaubte verächtlich angesichts dieser Selbstherrlichkeit - der machthungrigen Arroganz, die in diese selbstzufriedenen, lächelnden Gesichter geschrieben stand.
Nun waren sie alle tot... alle, außer einem.
Roth hatte er sich als Letzten aufgehoben.
Andreas hatte sich akribisch die Hierarchie hinaufgearbeitet. Zuerst die Mitglieder der Todesschwadrone der Agentur, die heimtückisch seinen Dunklen Hafen, sein Zuhause überfallen und das Feuer auf jede lebende Seele darin eröffnet hatten - sogar auf die Frauen und Kleinkinder, die in ihren Wiegen schliefen. Als Nächstes hatte er sich die Handvoll von Roths Kumpanen vorgenommen, die aus ihrer Loyalität zu dem mächtigen Leiter des Dunklen Hafens, der den Befehl für das Gemetzel gegeben hatte, nie einen Hehl gemacht hatten.
Ein Schuldiger nach dem anderen hatte in den letzten paar Wochen den Tod gefunden. Der Vampir, der mit gebrochenem Genick auf dem Roden lag, war das letzte bekannte Mitglied von Wilhelm Roths korruptem inneren Kreis in Deutschland.
Womit nur noch Roth selbst übrig war.
Der Bastard würde brennen für das, was er getan hatte.
Aber zuerst würde er leiden.
Reichens Augen kehrten zu der gerahmten Fotografie in seinen Händen zurück und erstarrten.
Auf den ersten Blick hatte er die Frau nicht bemerkt.
In seiner Wut hatte er sich einzig auf Roth konzentriert. Doch jetzt, da er sie entdeckt hatte, konnte er seine Augen nicht mehr von ihr lösen.
Claire.
Sie stand etwas abseits der Gruppe von Stammesvampiren, zierlich, doch mit königlicher Haltung, in einem ärmellosen hellgrauen Abendkleid, gegen das ihre hellbraune Haut so glatt und üppig wirkte wie Satin. Ihr weiches schwarzes Haar war sorgfältig aufgesteckt, keine einzige Strähne fehl am Platz.
Die Zeit hatte Claire nichts anhaben können, sie wirkte nicht einmal ein Jahr älter als damals, als er sie gekannt hatte - aber das war nichts Außergewöhnliches; die Blutsverbindung, die sie seit diesen mehr als dreißig Jahren mit ihrem Gefährten teilte, erhielt sie jung und stark. Sie sah Wilhelm Roth und seine kriminellen Freunde lächelnd an, ihre Miene beherrscht und undurchdringlich.
Eine perfekte Gefährtin für den Vampir, der sich als Reichens tückischster Feind herausgestellt hatte.
Claire.
Nach all dieser Zeit.
Meine Claire, dachte er grimmig.
Nein, sie gehörte nicht mehr ihm.
Früher vielleicht einmal. Vor langer Zeit und nur ein paar kurze Monate lang. Nur einen kurzen Augenblick.
Das war lange her.
Reichen starrte ihr Bild hinter dem silbergerahmten Glas an, überrascht, wie leicht seine Wut auf Wilhelm Roth auf seine Stammesgefährtin übersprang. Die süße, wunderbare Claire... im Bett mit seinem größten Feind. War sie sich über Roths üble Machenschaften im Klaren? Billigte sie sie?
Das war kaum von Bedeutung.
Er hatte eine Mission zu erfüllen. Gerechtigkeit einzufordern. Tödliche, endgültige Rache zu nehmen.
Und nichts würde ihm dabei im Weg stehen... nicht einmal sie.
Reichen starrte auf die Fotografie hinunter, Wut glomm im bernsteinfarbenen Schein seiner Augen, der sich in der gläsernen Oberfläche spiegelte. Seine Finger brannten, wo seine Haut das Metall des Rahmens berührte. Er versuchte, den feurigen Sturm abzukühlen, der sich in seinen Eingeweiden zusammenbraute, doch es war zu spät.
Mit einem Knurren warf er die Fotografie zu Boden und wandte ihr den Rücken zu. Er stapfte zu einem der hohen Fenster und öffnete es mit einem mentalen Befehl - er wusste, was passieren würde, wenn er es mit den Händen berührte, jetzt, da seine Wut so kurz davor war, ganz von ihm Besitz zu ergreifen.
Geduckt stieg Reichen auf das Fensterbrett und hörte hinter sich das heiße Zischen von schmelzendem Silber und splitterndem Glas, als die gerahmte Fotografie in Flammen aufging.
Dann sprang er in die feuchte Herbstnacht hinaus, um zu beenden, was Wilhelm Roth begonnen hatte.